Ausgeschwiegen Folge 3: Bremsklotz im Kopf, innerer Schweinehund und limitierende Glaubenssätze

Ausgeschwiegen Folge 3: Bremsklotz im Kopf, innerer Schweinehund und limitierende Glaubenssätze

Gepostet von am Okt 11, 2018 in Blog

Hier die dritte Podcast-Folge

Und hier der Text der dritten Folge:

Herzlich Willkommen zur dritten Folge von Ausgeschwiegen, dem Podcast für bessere Rhetorik. Heute kümmern wir uns um den Bremsklotz in deinem Kopf! 

Wenn ich mit Personen über die Rhetorik und über das Reden und Präsentieren vor größeren Gruppen rede, dann bekomme ich sehr oft Sätze wie diese hier zu hören:

„Das kannst Du vergessen! Zum reden muss man geboren sein“

Oder

„Das lerne ich nie, dafür habe ich einfach kein Talent.“

Oder auch

„Das würde ich mich niemals trauen. Denn da werde ich mich nur gnadenlos blamieren.“

All das sind Glaubenssätze. Und zwar negative Glaubenssätze, die dich bremsen und daran hindern, dich zu entwickeln. Und diese limitierenden Glaubenssätze funktionieren wunderbar. Ich will Dir ein Beispiel nennen. Vor vielen vielen Jahren, in der Zeit in der ich und meine gleichaltrigen Freunde den Führerschein machten, sagte einer meiner Freunde immer wieder „Ich kann nicht lernen. Hab ich noch nie gekonnt. Wozu für die Theorieprüfung lernen? Ich falle ja sowieso durch.“ Und was ist dann wohl passiert? Genau! Er hat genau das getan, nämlich nicht gelernt. Und obwohl er die Praxis auf Anhieb geschafft hat, ist er zwei mal durch die theoretische Führerscheinprüfung gefallen. Im dritten Anlauf hat er es dann mit viel Glück doch gerade so geschafft.

Warum funktionieren diese limitierenden Glaubenssätze so gut? In der Psychologie kennt man den Begriff der „selbsterfüllenden Prophezeiung“. Was ist das? Nun, schauen wir uns erst mal die Definition aus der Wikipedia an:

„Eine selbsterfüllende Prophezeiung (englisch: self-fulfilling prophecy) ist eine Vorhersage („Prophezeiung“), die über direkte oder indirekte Mechanismen ihre Erfüllung selbst bewirkt. Ein wesentlicher Mechanismus ist, dass derjenige oder diejenigen, die an die Vorhersage glauben, sich so verhalten, dass sie sich erfüllt (positive Rückkopplung zwischen Erwartung und Verhalten).“

Ok und wie funktioniert die selbsterfüllenden Prophezeiung jetzt konkret. Gehen wir das mal an einem Beispiel durch: Wenn Du morgens früh aufwachst. Es sind noch nicht beide Augen offen und du hast noch nicht beide Beine aus dem Bett geschwungen, aber Du sagst dir schon „Dieser Tag wird bestimmt total mies.“ Kurz danach stehst Du im Bad vor dem Spiegel, schaust Dir beim Zähneputzen ins Gesicht und denkst Dir „Der Tag, der wird ein totaler Griff ins Klo!“ Später beim Frühstück fällt die dein Marmeladenbrötchen auf den Boden und Du sagst „Na prima, dieser Tag fängt ja schon total bescheuert an!“ Wieder etwas später sitzt Du im Auto auf dem Weg zur Arbeit und Du stehst im Stau und denkst: „Typisch, immer passiert mir so ein Mist. Ich werde mal wieder zu spät kommen. Das kann ja nichts werden heute.“ Auf der Arbeit gerätst Du wegen einer Kleinigkeit mit einem Kollegen aneinander und ärgerst dich. In der Mittagspause ist in der Kantine das Mittagsmenü, dass Du essen wolltest bereits vergriffen. Nachmittags brummt Dir dein Vorgesetzter noch einen weiteren Auftrag auf, obwohl Du schon genug zu tun hast. Abends auf dem Heimweg willst Du tanken und denkst Dir „Hätte ich Idiot doch nur heute morgen getankt, da war der Sprit noch drei Cent billiger.“ Du willst Abends im Fernsehen deine Lieblingssendung schauen, aber die wird wegen einer Sondersendung ausnahmsweise ausgesetzt. Es ist Nacht und Du stehst wieder vor dem Spiegel im Badezimmer und denkst Dir „Hab ich doch schon heute morgen gewusst, dass das ein total beschissener Tag wird.“ Du legst dich ins Bett und schläfst ein mit dem Gedanken. „Mann, was für ein Glück ist dieser miese Tag vorbei. Hoffentlich wird morgen nicht genauso mies wie heute.“

Deine selbsterfüllende Prophezeiung ist in Erfüllung gegangen. Unser innerer Schweinehund, der aus Dingen wie Ego und Stolz aber auch Selbstschutzinstinkten und einigem anderen besteht, ist ein ziemlich eitler und selbstverliebter Drecksack. Und der fühlt sich am besten, wenn er Recht hat. Wenn dieser Schweinehund Dir morgens also schon beim Aufstehen diesen Satz „Dieser Tag wird bestimmt total mies“ eingeimpft hat, dann wird der Kerl auch tagsüber alles dafür tun, dass er Recht hat mit dieser Vorhersage. Deshalb macht er aus dem runtergefallenen Marmeladenbrötchen für dich auch emotional so eine riesige Affäre, statt es so harmlos zu behandeln, wie es ist. Deshalb sorgt er dafür, dass Du vergessen hast, dass der Stau sich schnell wieder aufgelöst hat und Du doch ohne Hetze pünktlich auf der Arbeit warst. Deshalb sorgt er dafür, dass die fünf Minuten, die der Zoff mit deinem Arbeitskollegen gedauert hat, Dir im Gedächtnis bleiben aber nicht die sieben Stunden und 55 Minuten des restlichen Arbeitstages, in denen ihr bestens miteinander ausgekommen seid. Deshalb sorgt er auch dafür, dass Du nicht mehr daran denkst, dass Du in der Kantine durch das vergriffene Menü ein neues Gericht entdeckt hast, dass Dir total gut geschmeckt hat. Und deshalb schafft es dieser innere Schweinehund, dass dir entfallen ist, dass Dein Chef dir nicht noch einen Auftrag aufgebrummt hat, sondern Dir ein wichtiges und spannendes Projekt gegeben hat, weil er weiß, dass Du der beste Mitarbeiter dafür bist. Und auf dem Heimweg hat dieser blöde Schweinehund auch noch dafür gesorgt, dass Du dich über so eine dämliche Lappalie wie drei Cent teureren Sprit aufgeregt hast. Natürlich hat er dich auch später wegen der Fernsehserie madig gemacht, die Du völlig problemlos in der Mediathek des Senders noch anschauen kannst. Und schließlich hat sich dein innerer Schweinehund mit Dir ins Bett gelegt und Dir zufrieden grinsend nochmal extra bestätigt wie beschissen Dein Tag doch angeblich war. Und nicht nur das! Mit dem letzten Gedanken „Hoffentlich wird morgen nicht genauso mies wie heute“ vor dem Einschlafen bereitet dieser Drecksack sogar noch vor, dass er Dir am nächsten Tag wieder genauso übel einheizen kann.

Du hast Dir am morgen die selbsterfüllende Prophezeiung eingeredet, dass der Tag schlecht wird. Der Tag ist wie jeder andere auch verlaufen mit Höhepunkten und Tiefpunkten. Aber die selbsterfüllende Prophezeiung hat Deine Wahrnehmung beeinflusst und dich nur das sehen lassen, was schlecht, was unangenehm oder was nervtötend war. Damit hat sich dann für dich am Abend diese selbsterfüllende Prophezeiung eben erfüllt. Der Tag war genau so mies, wie Du ihn erwartet hast.

Warum macht Dein innerer Schweinehund sowas? Ist dem langweilig? Will er dich ärgern?  Laut Wikipedia wird der innere Schweinehund wie folgt definiert: „Die Bezeichnung innerer Schweinehund umschreibt – oft als Vorwurf – die Allegorie der Willensschwäche, die eine Person daran hindert, unangenehme Tätigkeiten auszuführen, die entweder als ethisch geboten gesehen werden (z. B. Probleme anzugehen, sich einer Gefahr auszusetzen etc.), oder die für die jeweilige Person sinnvoll erscheinen (z. B. eine Diät einzuhalten).“ 

Mit anderen Worten, der innere Schweinehund will dich eigentlich vor Anstrengungen, vor unangenehmen Situationen oder auch vor Gefahren schützen. Machen wir das an einem primitiven Beispiel fest. Nehmen wir an Du bist im Schwimmbad noch nie vom Zehnmeter-Turm gesprungen und jetzt stehst Du da oben an der Kante und schaust hinunter aufs das Wasser. Wenn Du hinunter springst und falsch auf dem Wasser aufschlägst – beispielsweise einen Bauplatscher machst – dann ist diese Situation nicht nur unangenehm, sondern viel eher sehr sehr schmerzhaft. Und nicht nur das, es kann auch gefährlich sein, bei der falsche Landung auf dem Wasser kannst Du dich verletzten. Du hast also völlig zu Recht irgendwie ein ungutes Gefühl, ja wahrscheinlich sogar Angst. Der innere Schweinehund spürt dass und tritt sofort auf den Plan. Er versucht jetzt, Dir den Sprung vom Zehnmeter-Turm auszureden. Er sagt Dir aber nicht „Spring nicht, Du wirst Dir weh tun und dich vielleicht sogar schwer verletzen.“ Diese Argumentation hat schon längst die Angst übernommen. Nein, der innere Schweinehund will die eine bequeme Ausrede liefern, mit der Du auf den Sprung verzichten kannst, ohne Dir wie ein feiger Angsthase vorzukommen. Er bietet Dir vielleicht so etwas hier an: „Ach komm, wer hier runter springt, will doch nur prahlen und auf dicken Macker machen. Das hast Du doch gar nicht nötig!“ Ähnlich ist das beim Sport oder bei Diäten, also körperlichen Anstrengungen oder Einschränkungen, die vielleicht unangenehm sind, aber gut für Deine Gesundheit. Wenn Du dann die Sporttasche packst, wird der innere Schweinhund dafür sorgen, dass das Sofa im Wohnzimmer noch viel gemütlicher wirkt als sonst und er wird Dir vielleicht sagen: „Komm, Du hattest einen anstrengenden Tag. Sport kannst Du auch morgen oder besser am Wochenende machen. Gönn Dir doch jetzt lieber etwas Ruhe und Entspannung auf deinem herrlich weichen und bequemen Sofa.“

Aus Angst, aus dem Wirken des inneren Schweinehundes und aus den selbsterfüllenden Prophezeiungen werden diese negativen oder limitierenden Glaubenssätze. Denke an mein Beispiel mit meinem Bekannten und seiner Führerscheinprüfung. Der ist früher vielleicht in der Schule ein paar mal durch Prüfungen gerasselt oder hat Klassenarbeiten versemmelt. Und das obwohl er sich angestrengt und intensiv gelernt hat. Doch trotz der Lernerei ist es schief gegangen. Und schwupp die wupp hat sich das ganze in eine negative Prophezeiung vor der nächsten Prüfung verwandelt. Vor der nächsten Prüfung hat er zwar gelernt, aber quasi schon von Anfang an erwartet, dass er wieder eine miese Note bekommt. Jetzt ist recht schnell sein innerer Schweinehund auf den Plan getreten und hat sich diese selbsterfüllende Prophezeiung vorgeknöpft. Er konnte sich dabei ja auch auf die Emotionen der gemachten und erlebten negativen Erfahrungen stützen. Und so hat der Schweinehund ihm vor der nächsten Klassenarbeit vielleicht gesagt: „Lernen? Wozu! Bei den letzten Klassenarbeiten hast Du gelernt wie verrückt und was hat es gebracht? Nichts! Also, lass es doch einfach bleiben.“ Der innere Schweinehund hat gesiegt, mein Bekannter hat nicht gelernt und ist natürlich wieder mit einer schlechten Note nach Hause gegangen. Und schließlich ist daraus der fest im Kopf verdrahtete, limitierende Glaubenssatz geworden, dass er einfach nicht lernen kann.

Genau so ist es mit den limitierenden Glaubenssätzen in Bezug auf die Rhetorik. Die wirken wie ein Bremsklotz im Kopf, die dich daran hindern – oder hindern wollen – das freien Sprechen vor Gruppen zu lernen und dann zu trainieren, damit Du darin besser wirst. Schauen wir uns also nochmal die drei beispielhaften limitierenden Glaubenssätze in Bezug auf die Rhetorik an.

Der erste lautete: „Das kannst Du vergessen! Zum reden muss man geboren sein“ Wie kann man diesen limitierenden Glaubenssatz entkräften. Wie wäre es damit: Zum Reden IST jeder geboren! Jeder Mensch hat von Mutter Natur oder wer auch immer uns konstruiert hat, alles an serienmäßiger Ausstattung bekommen, was man zum Reden braucht. Da wären Lungen und Atemwege, Kehlkopf, Rachenraum, Mund, Zunge, Zähne, Lippen und die Nase. Es ist alles da, was wir brauchen, um Töne zu erzeugen und daraus dann verstehbare Worte zu formen. Und das funktioniert sogar von Anfang an! Wenn so ein Neugeborenes im Kreissaal das Licht der Welt erblickt, wird das Kind nach wenigen Augenblicken ziemlich deutlich zu hören sein. Es füllt seine Lungen erstmals mit Luft dann schreit oder brabbelt es oder gibt sonst Töne von sich. Natürlich kann der neue Erdenbürger noch nicht sprechen, denn Sprache ist eine Fähigkeit, die man im Kindesalter erlernt.

Kommen wir zum zweiten limitierenden Glaubenssatz, der da lautet: „Das lerne ich nie, dafür habe ich einfach kein Talent.“ Auch das ist natürlich falsch. Denn im Prinzip kannst Du schon vor anderen Leuten reden und Du tust es mit Sicherheit auch! Stell Dir deinen Arbeitsplatz und deine Kollegen vor oder meinetwegen einen gemütlichen Abend in der Kneipe mit Freunden. Ganz selbstverständlich unterhälst Du dich mit Kollegen oder Freunden. Ihr erzählt euch, was ihr erlebt habe, tauscht Meinungen aus. Vielleicht erzählt ihr Witze und lacht euch darüber schief. Oder im Kreis Deiner Familie, wo Du abends erzählst, wie dein Tag war. Mit anderen Worten, theoretisch musst Du das Reden garnicht lernen, Du kannst es längst. An das Beispiel mit dem Fahrradfahren aus Folge zwei dieses Podcasts erinnerst Du dich? Dann greifen wir das auf. Du kannst längst Fahrrad fahren und wenn Du im Pulk mit anderen, vor allem bekannten Personen fährst, dann ist das auch gar kein Problem. Aber wenn Du plötzlich alleine vor einer Zuschauermenge Fahrrad fahren sollst – Du führst etwas vor und alle anderen schauen zu – dann ist das, was Du eigentlich problemlos kannst, plötzlich emotional etwas ganz anderes. 

Das bringt uns zum limitierenden Glaubenssatz Nummer drei: „Das würde ich mich niemals trauen. Denn da werde ich mich nur hoffungslos blamieren.“ Hier in diesem Glaubenssatz hat die Angst ihren Niederschlag gefunden. Nehmen wir die Situation auf der Arbeit, die Kollegen, mit denen Du völlig problemlos und ungehemmt Smalltalk machst oder über fachliches im Job redest, sind auf einmal dein Publikum. Denn dein Chef hat Dir vielleicht gesagt, dass Du vor Deinen Kollegen ein neues Projekt präsentieren sollst. Und schon ist die Situation ganz anders. Du redest nicht mehr als einer von vielen im Pulk mit deinen Kollegen, sondern Du redest quasi auf dem Präsentierteller vor Deinen Kollegen. Und schon fällt Dir etwas, was Du problemlos kannst – das Reden – schwer. Es fällt Dir schwer, weil die Situation emotional plötzlich ganz anders ist als sonst. Es entsteht Redeangst … 

… und um die werden wir uns bald in einer neuen Folge dieses Podcasts kümmern. Bis dahin würde ich mich freuen, wenn Du meinen Podcast positiv bewertest und gerne kannst Du ihn auch teilen. Also dann, bis zum nächsten Mal.

Das Buch heißt „Ausgeschwiegen – Ein Praxishandbuch zur Rhetorik“ und ist seit Mitte September 2018 als Taschenbuch und als eBook im Handel.

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Ausgeschwiegen: Ein Praxishandbuch zur Rhetorik

Das Problem, dass viele mit dem Reden haben, steckt im Kopf. Das beginnt mit der Redeangst, geht über mangelnde Erfahrung und Übung bis hin zum Glauben "Ich lerne das nie!" Doch! Jeder kann es lernen und genau darum kümmert sich dieses Buch. Es ist aus einer Vielzahl von Seminaren zum Thema Rhetorik entstanden und bietet auch viele praktische Übungen an.

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