Ausgeschwiegen Folge 6: Warum haben wir Angst? Was macht Angst mit uns?

Ausgeschwiegen Folge 6: Warum haben wir Angst? Was macht Angst mit uns?

Gepostet von am Okt 25, 2018 in Blog

Hier die sechste Podcast-Folge

Das Buch zum Podcast

Das Buch heißt „Ausgeschwiegen – Ein Praxishandbuch zur Rhetorik“ und ist seit Mitte September 2018 als Taschenbuch und als eBook im Handel.

Und hier der Text der sechsten Folge:

Hallo und herzlich willkommen zur Folge 6 von Ausgeschwiegen, dem Podcast für bessere Rhetorik. In Folge 3 hatte ich ja angekündigt, dass wir uns noch mit dem Thema Redeangst beschäftigen wollen. Bevor wir zur Redeangst im Speziellen kommen, wollen wir uns heute aber erst einmal mit der Angst im Allgemeinen beschäftigen. Was ist Angst? Warum haben wir Angst? Was macht Angst mit uns? Das sollen dabei die wesentlichen Frage sein.

Schauen wir uns zunächst einmal an, wie Angst in der Wikipedia definiert ist: „Angst ist ein Grundgefühl, das sich in als bedrohlich empfundenen Situationen als Besorgnis und unlustbetonte Erregung äußert. Auslöser können dabei erwartete Bedrohungen, etwa der körperlichen Unversehrtheit, der Selbstachtung oder des Selbstbildes sein. Krankhaft übersteigerte Angst wird als Angststörung bezeichnet.“

Aber warum gibt es die Angst überhaupt? Angst haben ist doch doof. Was hat sich Mutter Natur – oder wer auch immer uns konstruiert hat – bei diesem Konzept der Angst überhaupt gedacht? Angst ist durchaus sinnvoll und das will ich Euch an einem Beispiel deutlich machen. Dieses Beispiel wird oft und gerne bemüht, aber es ist eben recht einleuchtend.

Also stell Dir vor, Du bist ein Urmensch und spazierst in Deinen Lendenschurz gehüllt gemütlich durch die Savanne. Du suchst Nahrung in Form von Kräutern, Beeren und Wurzeln, damit Abends in der Familienhöhle irgend etwas essbares auf den Tisch kommt. Du hoffst, vielleicht auch einen Hasen oder so etwas in der Richtung erschlagen zu können, denn Fleisch hat es schon länger nicht mehr gegeben. Du biegst bei einem Felsvorsprung um die Ecke und da siehst Du Ihn: Den Säbelzahntiger, der keine 300 Meter entfernt steht und der dich ebenfalls in diesem Augenblick bemerkt hat. Und sofort siehst Du, was diese riesige Raubkatze denkt. Die denkt nicht „Ach wie gut, da ist jemand, mit dem ich endlich mal über die postneolitische Gesellschaft debattieren kann.“ Das Vieh denkt nur eines: „Mittagessen“. Das Kätzchen findet Dich sehr attraktiv, weiß es doch genau, dass es für mindestens drei bis vier Tage pappsatt ist, wenn es Dich frisst. 

Deine Motivation, für den Säbelzahntiger das Mittagessen zu spielen hält sich wegen des für Dich äußerst fatalen Endes in sehr engen Grenzen. Beim ersten Anblick des Raubtiers ist deshalb auch quasi augenblicklich die Angst auf den Plan getreten. Die Evolution hat sich drei Überlebensstrategien für solche Situationen ausgedacht: 

  1. Du kannst dich tot stellen, in der Hoffnung übersehen zu werden. Bringt in dieser Situation nichts. Die Raubkatze hat Dich ja längst gesehen und kann Dich sehr wahrscheinlich auch sehr gut riechen. Du würdest dem Säbelzahntiger also nur Arbeit und Mühe ersparen, denn er braucht Dich nicht zu hetzen, sondern kann Dich direkt und ohne größere Anstrengung verspeisen.
  2. Du kannst kämpfen. Also: Fäuste hoch und dann sagst Du: „Komm Kätzchen, ich hau dich aus dem Fell.“ Dass das auch keine gute Idee ist, dürfte klar sein, denn Deine Chancen, den Säbelzahntiger zu besiegen, tendieren mit Sicherheit gegen Null.
  3. Bleibt noch die Flucht. Das ist angesichts der Fangzähne der Raubkatze die einzig erfolgversprechende Strategie. Und deshalb rennst Du um Dein Leben. Wenn Du, was in Urzeiten häufig der Fall war, nicht alleine unterwegs bist, sondern in einer Gruppe, dann musst Du garnicht schneller rennen als der Säbelzahntiger, sondern nur schneller, als der langsamste in Deiner Gruppe. Ok Scherz beiseite.

Kommen wir in diesem Zusammenhang wieder auf die Angst zu sprechen, denn die ist bei dieser Begegnung tatsächlich überlebenswichtig. Die Angst erhöht schlagartig und heftig Dein Stress-Level. So schießt beispielsweise augenblicklich Adrenalin und noch das eine oder andere Stress-Hormon durch Deinen Körper. Genau damit bereitet Dich die Angst vor allem auf die beiden besten Strategien „Kampf oder Flucht“ vor. Was passiert in deinem Körper?

  1. Deine Aufmerksamkeit erhöht sich deutlich. Deine Pupillen werden weiter, Dein Seh- und Hörvermögen werden aktiviert und verbessert.
  2. Deine Muskelspannung erhöht sich und Deine Reaktionsgeschwindigkeit wird besser.
  3. Dein Blutdruck steigt, Dein Herzschlag wird schneller.
  4. Der Körper stellt die in diesem Moment unwichtige Tätigkeiten wie die Verdauung ein, damit alle vorhandene Energie vor allem Deinen Muskeln zur Verfügung steht.
  5. Es werden auch alle in diesem Moment eher hinderlichen Triebe unterdrückt. Beispielsweise der Sexualtrieb. Und sind wir mal ehrlich: Angesichts der Bedrohung durch den Säbelzahntiger plötzlich ans Pimpern zu denken, wäre ja wohl auch mehr als Fehl am Platze und hätte vermutlich tödliche Konsequenzen für Dich.

Mit anderen Worten: Die Angst- und Stressreaktion aktiviert all Deine Kräfte und Energien für den Kampf oder in diesem Fall die für die Flucht. Sollte in einer anderen Gefahrenlage das „Sich-Totstellen“ die beste Reaktion sein, kann Dich die Angst auch quasi lähmen, damit Du still hälst und sehr leise bist, damit die Gefahr an dir vorüber zieht.

Aber hier rennst Du los, um dem Säbelzahntiger zu entkommen und wir gehen mal davon aus, dass das auch gelingt. Du bist irgendwann in Sicherheit und kommst wieder zur Ruhe. Durch die körperliche Anstrengung haben sich auch Adrenalin und die anderen Stresshormone abgebaut. Du bist dem Stress sozusagen davon gelaufen.

All diese Mechanismen sind in uns evolutionär auch heute noch fest verdrahtet. Denk an die Definition aus der Wikipedia. Sobald wir in eine Situation kommen, die eine erwartete Bedrohung, der körperlichen Unversehrtheit, der Selbstachtung oder des Selbstbildes auslöst, läuft im Körper diese Angstroutine an. Sind wir mit dem Auto unterwegs und plötzlich schert ein Wagen vor uns aus oder Ball rollt auf die Straße, dann reagieren wir schlagartig. Wir müssen nicht lange überlegen und abwägen was wir tun, sondern wir bremsen und lenken quasi instinktiv. Schlagartig ist unsere volle Aufmerksamkeit da, wir merken, dass unser Herz schneller schlägt und wir ganz und gar bei dieser einen Sache sind. Wir merken daran, dass gerade im Moment unser Stress-Level massiv angestiegen ist. Und wir haben uns dabei ordentlich erschrocken, was ein Symptom der Angst in diesem Moment ist. Und ich bin mir sicher, wenn Du eben gerade in einer solche Situation auf der Straße warst, hast Du auch garantiert nicht ans Pimpern gedacht! Denn wie schon gesagt, alle akut nutzlosen oder hinderlichen Gedanken und Triebe aber auch Körperfunktionen werden unterdrückt.

Angst und der daraus resultierende Stress lösen wie schon erwähnt verschiedene hormonelle und chemische Reaktionen im Körper aus. Deren Sinn und Zweck ist, dass wir uns schneller oder auch ausdauernder bewegen können, damit wir kämpfen oder fliehen können. Genau das, also die körperliche Anstrengung, passiert heutzutage aber viel seltener. Angst- und Stress-auslösende Situationen lassen sich heute oft mit viel weniger Bewegung und körperlicher Anstrengung bereinigen. Wenn wir jetzt mal die Angst etwas vernachlässigen, sondern uns alltäglichen Stress anschauen, dann wird klar, dass wir heute viel mehr Stress haben, als unsere Urzeitvorfahren. Gab es damals Stress mit einem Säbelzahntieger, war man entweder tot oder aber man hatte sich massiv bewegt und damit Adrenalin & Co „weggezappelt“. Aber der normale Tagesablauf eines Urzeitmenschen war wohl deutlich chilliger, als unser heutiger hektischer Alltag.

Wir sind im Beruf und allerlei anderen Situationen immer wieder Stress ausgesetzt. Der Chef will irgendetwas lieber gestern als heute fertig gestellt haben. Du hast Stress im Berufsverkehr, weil Du wieder im Stau stehst. Du hast Krach in der Familie. Beispiele für Stress gibt es viele. Der Körper macht dabei heute aber immer noch dass, was er eben schon zu Zeiten des Säbelzahntigers gemacht hat. Er kübelt Adrenalin & Co in deinen Körper, wenn es stressig wird. Aber wenn Du nicht sofort eine Runde joggen oder in die Muckibude gehst, dann kannst Du diesen Hormon- und Chemiecocktail in deinem Körper eben nicht mehr wegzappeln. Irgendwann steht man dann so unter Dauerfeuer, dass Stress zur chronischen Krankheit wird. 

Aber kommen wir nochmal zur Angst. Nehmen wir an, Du bist total verliebt und Deine Angebetete oder Dein Angebeteter steht plötzlich vor Dir. Und statt zu flirten und einen coolen Spruch zu bringen oder ein nettes Gespräch anzustreben, ist mit einem Schlag die Angst da. Die Angst, dass Du dich blamierst oder die andere Person Dich ablehnt. Und schon holt die Angst wieder die drei möglichen Reaktionen aus dem Köcher. Kämpfen dürfte hier wohl flachfallen, denn Du wirst der, Person, in die Du verliebt bist, sicherlich keinen rechten Haken ans Kinn verpassen. Bleiben das Totstellen oder die Flucht. Entweder Du stehst Da stumm und wie versteinert oder Du verschwindest schnell ohne ein Wort zu sagen. Und schon hat die Angst Dir einen Strich durch die Rechnung gemacht.

Das soll es für heute mal gewesen sein mit dem Thema Angst im Allgemeinen. In der nächsten Folge kümmern wir uns dann um die Redeangst im Speziellen.

Und jetzt zum Schluss habe ich noch ein Gewinnspiel für Euch. Zu diesem Podcast gehört ja auch ein Buch mit dem Titel „Ausgeschwiegen: Ein Praxishandbuch zur Rhetorik.“ Davon möchte ich gerne fünf Stück verlosen. Wenn Du das Buch gewinnen willst, gibt es dafür zwei einfache Möglichkeiten. Entweder Du bewertest diesen Podcast auf iTunes oder wo auch immer Du ihn hörst und schreibst auch eine Rezension. Mach davon einen Screenshot und schicke den an die E-Mail-Adresse: kontakt@rhetorik-aktuell.de. Oder Du teilst den Podcast auf sozialen Medien wie beispielsweise Facebook oder Twitter, damit auch andere den Podcast hören und nutzen können. Auch hier wieder einen Screenshot machen und an die genannte Adresse schicken. Du kannst natürlich auch beides machen. Unter allen Einsendungen, die bis Freitag, den 2. November 2018 kommen, werden dann die fünf Bücher verlost. Das wars für heute. Tschüß.

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Ausgeschwiegen: Ein Praxishandbuch zur Rhetorik

Das Problem, dass viele mit dem Reden haben, steckt im Kopf. Das beginnt mit der Redeangst, geht über mangelnde Erfahrung und Übung bis hin zum Glauben "Ich lerne das nie!" Doch! Jeder kann es lernen und genau darum kümmert sich dieses Buch. Es ist aus einer Vielzahl von Seminaren zum Thema Rhetorik entstanden und bietet auch viele praktische Übungen an.

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